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Interview 2: "Luftikus"
"Der
Viertel-Abenteurer"
aus: Anzeiger für
das Nordquartier, Nr.24 / 2008
"Luftikus“ und wer dahinter steckte: WORTlieb mARTin schrieb knapp 3 Jahre die Kolumne über das Quartieroriginal „Luftikus“. In jeder Ausgabe des „Anzeigers für das Nordquartier“ durfte die Leserschaft an den unzähligen Mini-Abenteuern teilnehmen. Die letzte Kolumne endete mit dem Tod von Oskar Lufti – so sein bürgerlicher Name. Lesen Sie nun ein Gespräch mit dem Kolumnisten des „Philosophischen Viertels“. Zu Beginn dieses Gesprächs kommt natürlich die grosse Frage auf: Gab es ihn wirklich, diesen Lufti? WORTlieb: Nein, Luftikus ist rein meine Erfindung. Als die Kolumne angelaufen war, meinten viele Leserinnen und Leser, dass es Luftikus wirklich gegeben habe. Manche behaupteten sogar, dass sie Luftikus persönlich gekannt hätten und sagten, dass es Zeit gewesen wäre, den Lufti literarisch zu würdigen. Natürlich sehe ich es als Kompliment, wenn ich eine Figur erfinde und diese wird für real gehalten. Obschon er erfunden ist, besitzt Luftikus ja einen ausgeprägten Charakter. WORTlieb (lacht): „Obschon“ oder „Weil er erfunden ist“? Das ist eine gute Frage. Aber wie beschreiben Sie diesen Luftikus? WORTlieb: Er ist ein Genussmensch, ein Lebemensch, ein Sanguiniker: Er spielt leidenschaftlich, er lacht und staunt, er ist ein Abenteurer im Stadt-Viertel. Er isst gerne, er trinkt gerne, wird dabei aber selten betrunken. Luftikus ist ein solider, gutmütiger Mensch, der gerne intensiv über etwas nachdenkt. Ebenfalls besitzt er einen ausgeprägten Humor und Charme. Und natürlich hat er etwas, was unbezahlbar ist: Poesie im Leben! Haben Sie ihre persönlichen Eigenschaften in die Figur „Luftikus“ einfliessen lassen? WORTlieb: Das ist mir zu esoterisch und zu psychologisch. Darf eine Figur denn nicht psychologisch begründet sein? WORTlieb: Es gibt zwei Arten zu Schreiben. Die psychologische Art und die realistische. Wenn man immer alles psychologisch analysiert, verpasst man das wahre Leben. Muss ich über meine Figur wissen, weshalb sie vom Breitenrain zum Viktoriaplatz schlendert, zumal doch auch ein Tram dorthin fährt? Ich will so was gar nicht wissen. Dies kann auch einfach nur ein Impuls sein, eine spontane Entscheidung. Ich denke, eine Figur lebt durch solche Impulse und wird somit realistisch. Wie real wird denn so eine Figur? WORTlieb: Ziemlich real. Oskar Lufti wohnte mit seiner Frau an der Scheibenstrasse in einem lotternden Haus, die einzige Wohnung dort mit einem Balkon. Ich weiss, wo er spazieren ging, wo er Drachen steigen liess, mit welchen Personen hier im Quartier er Streit hatte, auch seine Freunde kenne ich. Die Kneipen, in denen er verkehrte, der Blumenhändler, der Botanische Garten, etc. sind ja alles existierende Lokalitäten. Luftikus bewegte sich hier also im ganzen Nordquartier. Da wird er natürlich umso präsenter und realer. Welchen Bezug haben Sie denn zum Nordquartier? WORTlieb: Ich verbringe schon eine ganze Weile hier im Breitenrain, kenne jede Ecke und weiss, wer was wo ist und wie. Ein bunteres Quartier gibt es in Bern kaum. Die Luftikus-Kolumne war als Ode an das Nordquartier gedacht. Das Familiäre schätze ich hier sehr, sowie die Vielfalt. Sie selbst sind aber auch sehr vielfältig. Sie genossen eine Schauspiel-Ausbildung, halten Lesungen und Performances und moderierten sogar eine Radio-Poesie-Sendung, etc. Wie kam es zu dieser beruflichen Reise? WORTlieb: Auftritte aller Art hatten schon immer eine grosse Anziehung auf mein Gemüt: Von Kabarett und Chanson-Abenden über Performance-Happenings und Konzert-Shows bis hin zu Lesungen und eben Theater. So war es naheliegend, einen solchen Beruf zu erlernen. Über das Theatermachen bin ich dann schliesslich zum professionellen Schreiben gelangt. Ein freies Theater-Ensemble fragte mich dann an, ein Stück zu schreiben. So bin ich dazu gekommen und dabei geblieben. Aber da ich eben vom Theater komme und ich sehr viel mit Performances zu tun habe, war es mir immer sehr wichtig, meine Texte auch auf der Bühne zu interpretieren. Auch heute noch verbinde ich ab und zu eine Lesung mit einer Performance. Die Darstellung einer meiner Texte, die Stimmführung und die Spontaneität kann ich auf der Bühne am besten zum Besten geben. Ich wollte nicht bloss Figuren erfinden, sondern auf der Bühne oder im Radio wollte ich diese Figur darstellen, manchmal auch bloss andeuten oder stimmlich imitieren. Das ist Schreiben im aktivsten Sinne - wie ich meine - und das reizt mich sehr. ...und inwiefern stellen Sie die Figur „Luftikus“ dar? WORTlieb: Insofern, dass ich genauer hinschaue und hinhöre, ich denke mir meine drei Sachen dabei und geniesse die Ironie des Lebens. Ich erzähle gerne Anekdoten und vielleicht werde ich nächsten Herbstbeginn auf dem Breitenrainplatz stehen und eine Herbstrede halten, wer weiss. Wenn die Leserschaft auch etwas von Luftikus mitnimmt, habe ich alles richtig gemacht. Ein Herr hat mir gestern gesagt, es sei schön, so jemanden wie Luftikus kennen gelernt zu haben, obschon er ihn nur von der Kolumne her kenne. Als die Todesanzeige im „Blettli“ war, bekam ich viele E-Mails, die den Tod Luftis bedauern und einige kondolierten mir auf der Strasse, eine ältere Frau hat sogar geweint. Wieso musste Luftikus denn sterben? WORTlieb (lacht): Weil wir alle sterben müssen! Die Kolumnen waren ja bloss einzelne Szenen aus seinem langen Leben, sie erzählten von der Vergangenheit. Es ging stets um das Wahre und so war es nur respektvoll, seinen Tod nicht zu totzuschweigen. ...und Luftikus erlitt einen sehr würdigen Tod. Statt ein spektakuläres Ende, durfte er den schönsten Tod sterben, den man sich wünschen kann... Aber ist das nicht ein untypischer Tod für so einen Lebe-Menschen wie Lufti? WORTlieb: Nein. Man konnte in den letzten Kolumnen lesen, wie Luftikus lange und sehr intensiv mit seiner Frau auf dem Bett diskutierte. Was man nicht lesen konnte war, dass die beiden nicht nur über die Liebe sprachen, sondern sie machten auch Liebe zusammen. Schliesslich fand Luftikus seinen Höhepunkt im Tod. Aber so etwas schreibt man nicht in eine Todesanzeige. Das stimmt. Aber weshalb hören Sie persönlich auf mit dieser Kolumne? WORTlieb: Ich habe mich entschieden die Kolumne „Philosophisches Viertel“ nicht mehr weiterzuschreiben, um neue Gewässer zu ergründen und neue Ufer zu betreten. Über meine Internetseite www.wortlieb.ch entstehen ich viele neue Kontakte und ich erhalte viele Aufträge. Ich werde natürlich weiterhin Theaterstücke schreiben, dazu kommt eine Kolumne hier, einen Blog da, eine Lesung dort. Aber zudem werde ich nun auch beginnen, meine Manuskripte in der Schublade endlich zu Büchern zu formieren. Aber dazu brauche ich Zeit. Ist Luftikus denn für Sie nun auch gestorben oder wird er Ihr Schreiben vielleicht in einem dieser Manuskripte wieder begleiten? WORTlieb: Wie dem auch sei, irgendwo begleitet uns doch immer irgend ein Luftikus... Vielen Dank für das Gespräch. |